Starke Mitte – starkes Kind

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Wie schnell doch die Zeit vergeht. Erst war mein Grosser noch ein Baby und zufrieden mit mir im Tragtuch unterwegs. Nun – 5 Jahre später – flitzt er mit seinen Freunden auf dem Velo durchs Quartier. Ich schaue ihm nach und beobachte, wie er das Velo abstellt, zum Bach hinunterläuft und mit einem Sprung sicher am anderen Ufer landet. Ich spüre Wehmut und Freude in meinem Herzen und ich überlege kurz: Ist er gewappnet für die Welt da draussen mein kleiner Grosser – jetzt wo er schon ganz allein auf sich gestellt durch die Gegend streift?

Was wünsche ich mir als Mutter für mein Kind? Eine starke, selbstsichere Persönlichkeit, die ihre Grenzen kennt und diejenige des Gegenübers respektiert? Jemand der für sich und auch andere einstehen kann? Was kann ich als Elternteil dazu beitragen?

Starke Mitte und starkes Kind

Als Shiatsutherapeutin wünsche ich mir ein Kind mit einer starken Mitte, einer intakten vorderen Familie. Die vordere Familie beinhaltet den späteren Lungen-, Dickdarm-, Magen- und Milzmeridian. Beim Baby sind diese Energiebahnen jedoch noch nicht ausgereift, sondern erst als grossflächige Areale erkennbar. Bei der vorderen Familie sind diese auf der Körpervorderseite. Zur vorderen Familie gehören Eigenschaften wie das Selbstwertgefühl, Bindungssicherheit, Abgrenzung und Loslassen. Aber auch Respekt, Lernfähigkeit und den eigenen Standpunkt vertreten. Als Organ gehört die Haut zur vorderen Familie, mit welcher ich körperliche Grenzen wahrnehme. Und es gehört der Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn dazu.

Urvertrauen und Selbstwertgefühl

Die ersten Monate im Leben eines Babys sind bei der Entwicklung der vorderen Familie extrem wichtig. Es lernt schon jetzt: Wenn ich weine, kommt jemand – nimmt mich in den Arm oder stillt mich. Man hat mich lieb und es wird für mich gesorgt. Ich bin wichtig! Die Mitte und somit auch das Urvertrauen und Selbstwertgefühl wird gestärkt, wenn das Baby spürt, es wird geliebt und umsorgt. Erst wenn das Baby seine Mitte gefunden hat, ist es ihm möglich, eine Strategie zu entwickeln, um sich selber zu beruhigen. Davor ist es auf unsere Hilfe angewiesen. Wir können also ganz viel Gutes tun, wenn wir unser Kind so richtig verwöhnen, speziell in diesen ersten drei Monaten. Das Baby darf und soll mit Liebe überschüttet werden und so viel Nähe wie möglich spüren. Keine Angst, ein Zuviel gibt es nicht. Der Zeitpunkt, an dem das Baby oder Kleinkind lernen muss zu warten oder auch einmal etwas alleine zu machen, der kommt. Aber erst später, nämlich dann, wenn es seine Mitte gefunden hat. Dann fällt es dem Kind auch viel einfacher. Denn weil es nun bindungssicher ist, fällt es ihm auch einfacher loszulassen. Es hat Vertrauen und weiss, dass «s Mami» oder «de Papi» wieder kommen – auch wenn sie kurz in einem anderen Zimmer verschwinden.

Den Körper entdecken

Für eine starke Mitte ist es auch wichtig, dass das Baby sich selber – seinen Körper und somit seine physische Grenze – entdecken kann. Es soll genügend Möglichkeiten haben um mit den eigenen Händen, den Füssen und den Zehen zu spielen. Ja, sie sogar in den Mund stecken! Für das Baby ist das extrem spannend: «Oh, da ist ja ein Fuss und wenn ich ganz fest daran ziehe, bringe ich ihn sogar ganz nah an meinen Kopf! Und wenn ich nun den Kopf noch etwas hochhebe, passt mir das kleine, runde Ding sogar in den Mund! Und wie das kitzelt … ich glaube der Fuss gehört sogar zu mir …»

Ein Zuviel an Eindrücken

Leider gibt es aber immer öfters Babys, die von morgens bis abends von blinkendem Spielzeug umgeben sind, die ständig abgelenkt und beschäftig werden, so dass ihnen die Möglichkeit, sich zu spüren und erforschen fehlt. In der heutigen Zeit ist es aber auch gar nicht mehr so einfach, unsere Babys und Kinder vor der täglichen Reizüberflutung zu schützen. Ein Übermass an Gerüchen, Geräuschen, Musik und Bildern überfordert die Sinne unserer Kleinsten. Und sind wir ehrlich: Unsere doch manchmal oder sogar häufig auch. Diese «Überfütterung» der Sinnessysteme schwächt die Mitte und kann zur Folge haben, dass wir Schwierigkeiten haben, uns und andere zu spüren. Kinder, denen das Gefühl für die Mitte fehlt, könnten beim Lesen oder Schreiben Mühe haben, die Mittellinie zu überkreuzen. Sie nehmen dann den Finger zum Lesen oder helfen sich, indem sie das Heft beim Schreiben quer halten. Kinder mit einer fehlenden Mitte finden es schwierig zu klatschen oder auf einem Bein zu stehen.

Über- oder untersensibel?

Auch ein Thema der vorderen Familie ist die taktile Über- oder Unterempfindlichkeit. Eine taktile Überempfindlichkeit zeigt sich bei Kindern die zum Beispiel nicht gerne barfuss übers Gras laufen, sich die Hände nicht gerne dreckig machen oder die T-Shirt-Naht auf der Haut nicht ertragen. Auch ein zuviel an Körperkontakt könnten sie als Grenzüberschreitung wahrnehmen. Bei Kindern mit einer taktilen Unterempfindlichkeit erlebt man genau das Gegenteil: Sie können beim Händeschütteln nicht genug zudrücken und auch die Umarmung kann nicht fest genug sein. Ein mit Dreck oder Schoggi verschmierter Mund und eine laufende Schnuddernase stören sie überhaupt nicht. Und irgendwo im Sand buddeln machen sie sowieso am liebsten! Sie spüren auch keine Schmerzen. Nach dem Hinfallen stehen sie gleich wieder auf und laufen weiter. Ebenso fehlt ihnen das Gefühl der Grenzen – ihrer eigenen und diejenige der anderen. Leider werden sie so auch all zu schnell als verhaltensauffällig abgestempelt!

Eines haben jedoch alle diese Kinder gemeinsam: Sie lieben den klaren, festen und bestimmten Druck beim Shiatsu. Ja, sogar – oder vor allem – die taktil überempfindlichen Kinder! Sie erfahren dabei ihre eigenen Grenzen und bekommen ein Gefühl für ihre Mitte.

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